Kennen, können, anwenden: Faktenwissen vs. Anwendungskompetenz

Wussten Sie? Eine Datenmenge von 100 MB, der Inhalt von 33.000 Büchern, prasselt pro Sekunde auf uns ein, meint der Neurowissenschaftler, Psychiater und Publizist.

Manfred Spitzer (wikipedia)

Wow – was für eine Leistung für unser Gehirn! Der Speicher unseres Gehirns wäre, wenn wir uns alles merken würden, nach etwa einem Jahr (5.555 Stunden) voll. Glücklicherweise können wir die ganzen Daten gar nicht behalten. Es würde für uns auch keinen Sinn machen. Nur einige wenige Menschen, sogenannte Savants, (savoir kommt aus dem Französischen und bedeutet Wissen) können alles in ihrem Leben Wahrgenommene im Gehirn speichern und auch im Detail wiedergeben. Das klingt großartig, aber wenn wir genau darüber nachdenken, ist es sicherlich eine Wohltat, dass wir so manches vergessen können – und noch entscheidender: dass wir sekundenschnell Wichtiges von Unwichtigem unterscheiden können.

Die zwei Seiten unserer neuen Welt: Unsicherheit und rasche Veränderungen

Das Informationszeitalter, in dem wir uns gerade befinden, kann jedoch bei den Menschen Verunsicherung und Orientierungslosigkeit erzeugen. Warum ist das so? 

Unser Gehirn liebt Vertrautes, emotionale Entscheidungen haben den Vorrang vor rationalen Entscheidungen. Technologie und Digitalisierung bedeuten rasche Veränderungen in der Gesellschaft. Haben wir uns früher in überschaubarem Rahmen mit unserem unmittelbaren Umfeld gemessen, ist die Konkurrenz heute über die gesamte Welt verstreut. 

Die Informationstechnologie hat sich in kürzester Zeit den vordersten Platz in der modernen Welt erobert, Daten sind die neue Währung. Neue Fähigkeiten, wie beispielsweise ausgeprägtes digitales Wissen, sind gefragt. Das bedingt lebenslanges Lernen, Medienkompetenz und gute Informationsfähigkeiten, wie man aus verschiedenen Informationsquellen nützliche Erkenntnisse gewinnen kann.

Der Wert des Wissens im Wandel

Auf der anderen Seite gibt es etwas, dass uns Menschen immer schon Sicherheit gegeben hat: Wissen. Wissen basiert auf Daten und Informationen aus der Vergangenheit, es ist an eine Person gebunden und kann genutzt und weitergegeben werden. Besonders bedeutend ist Wissen dann, wenn wir etwas praktisch in die Tat umsetzen wollen. Wenn wir sozusagen unsere PS auf die Straße bringen und Lösungen zu bestimmten Herausforderungen finden können. 

Aber auch Wissen hat sich in unserer digitalisierten Welt gewandelt: Während wir früher Lexika und Enzyklopädien herangezogen haben und Faktenwissen abgespeichert haben, sind Daten und Informationen heute mit nur wenigen Klicks und innerhalb weniger Minuten durch das Recherchieren im Internet griffbereit. Welchen Wert hat also unser Wissen heute noch?  

Was ist wichtiger: Faktenwissen oder Anwendungskompetenz? 

Diese Frage taucht regelmäßig auf, wenn man sich heutzutage mit Wissensmanagement und Lernen beschäftigt. Aber: Ist das überhaupt ein Gegensatz oder nicht viel eher eine Symbiose? 

Das eine bedingt das andere. Nur wenn wir das theoretische Wissen in praktisches Wissen umsetzen können, erwerben wir die nötigen Skills, um im beruflichen Alltag auf der Karriereleiter weiter nach oben zu klettern. 

Ohne theoretisches Wissen fehlt das Fundament für unsere Arbeit, weil vor einer Handlung die Idee und der gedankliche Weg stehen müssen. Es macht keinen Sinn, immer mehr vom Selben zu tun, sondern die Qualität unserer Tätigkeit muss besser und effizienter werden. Erst wenn das theoretische Wissen in praktische Anwendung umgewandelt wird, sind wir in der Lage komplexe Probleme lösen zu können.

Im Umkehrschluss bedeutet das dann jedoch auch, dass allein die fachliche Kompetenz „Theoriewissen“ nicht mehr ausreicht, um in unserem beruflichen Alltag und Umfeld zu bestehen. Die Anwendungskompetenz wird deshalb deutlich an Bedeutung gewinnen. 

Faktenwissen ist King, aber Anwendungskompetenz ist Queen!

Theoretisches Wissen ohne praktische Anwendung bedeutet, dass auch das größte Talent verkommt, wenn es nicht ausgeübt wird. Wer nur eine Sammlung an gut klingenden Zertifikaten und Zeugnissen vorweisen kann, und dabei keine praktischen Erfolge erzielt hat, trägt ein schön eingepacktes Geschenk ohne Inhalt vor sich her. 

Diese Tatsache stellt Lehrpersonen, Trainerinnen und Trainer in der digitalisierten Welt vor neue Aufgaben. Wie kann lebenslanges Lernen unter diesen Voraussetzungen gelingen und welche Rahmenbedingungen müssen geschaffen werden, damit Faktenwissen sich zu Anwendungskompetenz entwickeln kann?

Franz Hütter und Sandra Mareike Lang beschreiben in ihrem Buch „Neurodidaktik für Trainer“ die 12 wichtigsten Prinzipien, die erfüllt sein müssen, damit Gelerntes und Informationen tatsächlich so tief verstanden werden, damit sie schlussendlich im beruflichen Alltag integriert werden können. Es sind:  

  • Entspannung, Bewegung und Zeit zur Verfügung stellen
  • Vertrauen in die Gruppe und die Lehrperson aufbauen
  • die Frage „Wofür mache ich das“ beantworten
  • Neue Erkenntnisse an vorhandene Erfahrungsmuster anknüpfen
  • Mit Emotionen in Berührung kommen
  • die Zusammenhänge zwischen Details und dem „großen Ganzen“ verstehen
  • Die Haltung der Lehrperson als zentrale Komponente, mitdenken
  • bewusstes und unbewusstes Lernen ermöglichen
  • Informationsvermittlung auf möglichst vielen Sinneskanälen anbieten
  • Lernen entwicklungsabhängig gestalten
  • Stress, Angst oder Wut vermeiden
  • Auseinandersetzung mit und Bezug zur eigenen Identität ermöglichen


Auf folgende drei Punkte möchte ich an dieser Stelle näher eingehen:

  1. Entspannung, Bewegung und Zeit sind drei Faktoren, die für ein konzentriertes und effektives Lernen unumgänglich sind. Frische Luft, Wohlfühlatmosphäre in der Natur und eine entspannte Lernumgebung ohne Ablenkungen geben dem Gehirn den nötigen Freiraum und die Ruhe, die es braucht, um das Große und Ganze erkennen zu können. Gedanken können so zu Ende gedacht werden. Eine Reflexionsrunde mit einem Spaziergang durch den Wald zu verbinden kann eine wahre Explosion an Ideen hervorbringen. Das Aktivieren des Gehirns auf mehreren Sinneskanälen wird die Lernerfahrung auf eine völlig andere Ebene heben.
  2. Menschen sind soziale Lebewesen. Wir lernen besonders schnell durch das Abschauen von Anderen. Trainer und Teilnehmer, die einander vertrauen und sich zwischenmenschlich verbinden, lassen eine Atmosphäre entstehen, in der auch schwierige Fragen oder vermeintlich schwierige Situationen kein Problem darstellen. Auf diese Weise hat der Teilnehmer die Möglichkeit tiefer in das Thema einzusteigen und auch verdeckte Fragen und Hintergründe zu klären. Das Lernergebnis wird dadurch um ein Vielfaches intensiver im Hinblick auf die konkrete Arbeitswelt.
  3. Als dritten und ebenfalls sehr wichtigen Punkt ist das Thema der Sinnfrage zu klären. Wofür mache ich das, was ich tue? Die Suche nach dem Sinn ist uns angeboren. Das Gehirn kann nur den Input verarbeiten, den es für sich als für logisch und nützlich feststellt. Deswegen ist es unumgänglich, dass das Gelernte einen direkten Bezug zum eigenen Thema und der derzeitigen eigenen Situation hat. Es macht keinen Sinn, Dinge zu lernen von denen wir glauben, dass wir sie niemals mehr im Leben brauchen werden. Diese klassische Druckbetankung aus Zeiten des Informationszeitalters blockiert eher als dass es der Entwicklung dient.

Faktenwissen vs. Anwendungskompetenz: ein erstes Fazit

Es stimmt, Faktenwissen spielt in unserem “Google-Zeitalter” eine immer geringere Rolle. Dafür steigt die Notwendigkeit vernetzt zu denken und dieses theoretische Wissen auch praktisch anwenden zu können. Das stellt Trainerinnen und Trainer sowie Lehrpersonen vor Herausforderungen, denn eine gute Aufbereitung der zu vermittelnden Informationen ist nur eine Second-best-Lösung. Viel wichtiger für den Lernerfolg sind die Umgebung und die Rahmenbedingungen. Sie sind das Grundprinzip für erfolgreiches, lebenslanges Lernen.

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DIALOGSCHMIEDE®
Silke Küstner